Mein Umweg zur Politik

Schon seit meiner Schulzeit treibt mich das Thema Umweltschutz an. Als Kind in Hamburg habe ich stets die mutigen Menschen bewundert, die ihr Leben riskieren, um in kleinen Schlauchbooten die wundervollen Riesen der Meere vor den Harpunen der Walfänger zu retten. Mit meinen Geschwistern in die, damals noch sehr urige, Zentrale der Greenpeace Aktivisten direkt am Hamburger Hafen zu gehen war ein echtes Highlight für mich. Auch wenn wir nur unsere Spendendosen mit ein paar Mark abgegeben haben, die wir in den Monaten zuvor gesammelt hatten.

Einige Jahre später wurde ich dann selbst aktiv und demonstrierte, damals mit der Hamburger Gruppe “Rettet den Regenwald”, zum ersten Mal gegen die Zerstörung des Amazonas- und Kongo-Regenwaldes. Wir gingen damals vor die Zentrale des Ölkonzerns Conoco mit seinen Jet Tankstellen oder in den Hamburger Hafen um das Löschen eines Frachters mit Tropenholz zu verhindern. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem mir wirklich das Herz in die Hose gerutscht ist. Von der restlichen Gruppe getrennt, stand ich plötzlich ganz allein einem riesigen Gabelstapler gegenüberstand der mehrere Baumstämme auf einmal hätte heben können. Und den ich kleiner Knirps gerade davon abhielt genau das zu tun.


Wie vielen von uns kam aber auch mir in den Neunzigern vieles Andere in der Welt wichtiger vor als der Regenwald oder gar der Schutz des Weltklimas. Und das, obwohl ich damals in der Oberstufe bereits vom Treibhauseffekt erfahren habe. Aber wenn man diese wichtigen Dinge lernt wie jeden anderen Schulstoff, oft ohne zu wissen, welche Bedeutung das einmal haben wird, geht es unter in der Informationsflut der Schulzeit.

Bei mir dauerte es jedenfalls bis zum Jahr 2003, bis ich mich wieder mit dem Thema der Nachhaltigkeit beschäftigte. Ich arbeitete damals für mein zweites Praxissemester in einem Architekturbüro in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Die Begegnung mit der ganz anderen Lebenswelt dort, mit dem harschen Klima der Wüste und die sozial-ökologischen Projekte in unserem Büro, weckten in mir den Wunsch, mich auch nach meiner Rückkehr nach Konstanz weiter mit diesen Themen zu beschäftigen.

Ich wählte für meine Diplomarbeit dann auch das Thema “Nachhaltigkeit in Architektur und Städtebau” und beschäftigte mich dabei neben allgemeinen Themen der Nachhaltigkeit mit dem Entwurf einer ländlichen Berufsschule im Grasland von Kamerun. Einem Land, das ich kurz zuvor bereist hatte und wo ich das weltweite Problem der Landflucht sehr direkt erleben konnte.

Und genau dieses Eintauchen in den Bereich der Nachhaltigkeit brachte mich dann, neben meinem Beruf, auch wieder zu Greenpeace. Anfangs vor allem auf der lokalen Ebene, wo wir gemeinsam mit anderen Gruppen die Stadtwerke Konstanz überzeugen konnten, statt in ein neues Kohlekraftwerk in Norddeutschland lieber in zukunftsfähige Formen der Stromerzeugung zu investieren. Eine Entscheidung, die sich heute auszahlt, denn ein vor knapp zehn Jahren gebautes Kohlekraftwerk müsste selbst im besten Szenario der Kohlekomission, abgeschaltet werden bevor es sich überhaupt selbst refinanziert hätte.

Später kamen dann Aktionen in Deutschland und Europa hinzu.

Vom Kampf gegen Genmais in Italien und die Regenwaldabholzung für Palmöl durch den schweizer Nestlé Konzern bis zu einem unangemeldeten Besuch bei Baden-Württembergs damaliger Atom-Ministerin Tanja Gönner am Vorabend der Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Wer einmal selbst, in meinem Fall auch ohne Einladung, diese uralten Atomanlagen aus der Nähe sehen kann, bekommt ein Gefühl für den Wahnsinn dieser Technologie. Von Flicken übersäte Betonkolosse, zum Teil älter als ich selbst, hinter deren rissigen Wänden Brennstäbe mit Uran und Plutonium lagern und deren Sicherheit alles andere als gewährleistet scheint. Da kann einem schon mulmig werden.

Noch mulmiger wurde es mir aber bei allem, was ich im Laufe der Jahre über die Klimakrise lesen konnte. Und während nach dem zweiten Atomausstieg 2011 in Deutschland viele der alten Kämpfer für die Energiewende ihr Tagewerk als vollbracht ansahen, starrten Andere fassungslos auf die allgemeine Ruhe angesichts der dramatischen Klimaveränderungen. Ich gehörte zu den Anderen.

Begegnung mit dem Klimaforscher James Hansen (ehem. NASA Goddard Institute for Space Studies) vor dem Bundesumweltministerium in Berlin, 2013. Hansen warnte als einer der ersten bereits Anfang der 1980er Jahre vor den Gefahren der Klimakrise.

Die Jahre nach 2011 waren von vielen Aktionen und Vorträgen zum Klima, aber leider wenig öffentlichem Interesse, geprägt. Erst als im Sommer 2018 Deutschland seine Liebe zum (Hambacher-)Wald wiederentdeckte, kam neuer Schwung in die Sache. Wir organisierten auch in Konstanz Demonstrationen und gründeten die ersten reinen Klimaschutzgruppen in der Stadt. Anfang des letzten Jahres kam dann mit der Fridays for Future Bewegung noch eine ganz andere Dynamik in das lange totgeglaubte Thema Klimaschutz und wir haben als Gesellschaft diese Herausforderung zu einer Generationenaufgabe gemacht. Genauer: Zur Aufgabe unserer Generation.

Im Februar 2017 vor dem Europaparlament in Strasbourg. Kalt war’s.

Für mich war das letzte Jahr wahrscheinlich das erfüllendste meines bisherigen Lebens. Gemeinsam mit so vielen motivierten jungen Menschen an diesem großen Zukunftsthema arbeiten zu dürfen war ein ganz besonderes Erlebnis. Die vielen Treffen der Konstanzer Fridays Gruppe waren von einem Willen und einer Zielstrebigkeit erfüllt, die ich bei Erwachsenen so noch nie erlebt hatte. Kein Wunder, dass es uns so gelang, hier bei uns im verträumten Konstanz, als erste Stadt in Deutschland den Klimanotstand auszurufen.

Für mich ist jetzt die Zeit gekommen, meine Rolle zu ändern.

Lange Zeit habe ich mich bewusst aus der lokalen Parteipolitik herausgehalten, um als unabhängiger Klima-Experte zu wirken. Dank den neuen Bewegungen gibt es jetzt viele solche Experten. Was aber fehlt, sind Politiker, die wirklich Farbe bekennen.
Um die Klimakatastrophe einzudämmen, brauchen wir Mut. Den Mut den Tatsachen ins Auge zu blicken, und den Mut, die Fakten zu nennen und die Krise entschlossen anzugehen. Ich werde für ein bürgernahes, sozial gerechtes und klimapositives Konstanz kämpfen. Gerade jetzt in der Corona-Krise merken wir am eigenen Leibe, welche Werte wichtig für eine Gemeinschaft sind. Für welche Werte wir einstehen müssen.